Filmnews vom 11. März 2022

  • Teil 1 - «Tod auf dem Nil»: Kenneth Branagh kehrt als Meisterdetektiv Hercule Poirot zurück


    Markus Tschiedert wirft einen ausführlichen Blick auf die Produktion der ehemaligen FOX Studios. Unter anderem sorgte Armie Hammer für eine Verschiebung.


    Wer ist schuldig? Diese Frage stellt sich in jeder Agatha-Christie-Verfilmung - so auch in der Neuauflage von «Tod auf dem Nil», in der Kenneth Branagh (61) als Detektiv Hercule Poirot auf einer Schiffsfahrt über den Nil mit dem Mord an der reichen Mrs. Doyle (Gal Gadot) konfrontiert wird und unter den Verdächtigen den Schuldigen aussieben muss.

    Wer aber ist schuld, dass «Tod auf dem Nil» so oft verschoben wurde? Corona allein kann es nicht gewesen sein, denn ursprünglich sollte der Krimi noch 2019 starten. Aber die Produktion war aufwändiger als gedacht. Entgegen der Erstverfilmung von 1978 mit Peter Ustinov (†82) wurde diesmal leider nicht an Originalschauplätzen in Ägypten gedreht, sondern alles in Filmstudios nahe London nachgebaut: Der Tempel von Abu Simpel in der Größe von 20 mal 30 Meter, ein 70 Meter langer Schiffsnachbau und ein gigantischer Wassertank. Ende 2019 war der Film endlich fertig und hätte sogleich auf die Leinwand kommen können. Doch im Zuge der Übernahme der 20th Century Fox durch Disney wurde der Film zuerst in den Herbst, dann in den Winter 2020 verbannt. Genau in diesem Zeitraum aber brach die Pandemie vollends aus, und auch Kino wurde überall verboten.


    Skandal erfordert Verschiebung


    Ein neuer Starttermin für 2021 wäre folgerichtig gewesen, doch dann der nächste Hammer: Armie Hammer (35), der im Film den Ehemann der Ermordeten spielt, geriet im Januar in die Schlagzeilen. Ex-Geliebte klagten, er würde auf gewalttätigen und missbräuchlichen Sex stehen und hätte dabei auch noch eine Neigung zum Kannibalismus zu erkennen gegeben. Zuerst dementierte der Star aus «Call Me by Your Name» alle Vorwürfe, um sich kurz danach für neun Monate in einer Klinik wiederzufinden. Das Ende einer Karriere. Nur was sollte mit «Tod auf dem Nil» passieren, einem 90-Mio.-Dollar-Projekt von Disney? Mit einer solchen Geschichte in Verbindung gebracht zu werden, passte so gar nicht zum Family-Image des Micky-Maus-Konzerns.

    Hätte man Hammers Szenen mit einem Ersatzdarsteller neu drehen können? So wie es Ridley Scott (84) 2017 tat, nachdem Kevin Spacey (62) wegen mehrfacher Vorwürfe sexueller Nötigung in Ungnade geriet. Der Regisseur ließ damals alle Spacey-Szenen aus «Alles Geld der Welt» wieder rausschneiden und fing mit Christopher Plummer (†91) von vorn an. Hammers Rolle in «Tod auf dem Nil» ist jedoch zu groß und ein Nachdreh wäre ein finanzielles Fiasko gewesen. So schmorte der Film ein weiteres Jahr im Giftschrank, um Gras drüber wachsen zu lassen. Der Tod eines Films? Nun läuft «Tod auf dem Nil» doch noch an – weltweit. Dabei wissen Kenner der alten Verfilmung längst, wer schuldig ist.


    Wer kennt den Mörder?


    Denn Branagh hält sich wie schon bei «Mord im Orient Express» an Agatha Christies Originalvorlage und schiebt den Mord nicht etwa einen anderen in die Schuhe. Das ist vielleicht generell der Haken, wenn man sich eine neue Verfilmung nach einem Roman der großen britischen Krimi-Autorin ansehen möchte und schon weiß, wie alles ausgeht. So gesehen ist auch Branaghs «Tod auf dem Nil» nur ein halbes Vergnügen, wenn man die Auflösung schon kennt. Da bleibt nur, wie stilsicher er die Mordgeschichte 24 Jahre nach der Erstverfilmung umgesetzt hat. Das gestylte Dreißigerjahre-Luxus-Setting kann sich sicherlich sehen lassen, und die Darsteller sehen in ihren feinen Garderoben picobello aus. Und doch zieht Branagh damit im Vergleich zur Kinoversion von 1978 den Kürzeren. Denn der alte Film wirkt dann doch so viel authentischer, nicht zuletzt, weil damals noch an Originalschauplätzen gedreht wurde, und zwar mit richtig großen Stars jener Zeit von Bette Davis über David Niven bis zu Mia Farrow und natürlich Peter Ustinov. Diesmal ist allein Kenneth Branagh der große Star, während Gal Gadot («Wonder Woman»), Russell Brand («Rock of Ages»), Annette Bening («American Beauty») und auch Armie Hammer eher zur zweiten Liga gehören. Da hatte Branagh bei «Mord im Orient Express» mit Namen wie Johnny Depp (inzwischen aber auch mehrfach in die Schlagzeilen geraten), Penélope Cruz und Judy Dench gewiss ein besseres Händchen bewiesen.


    Kino bleibt Königsklasse


    Agatha Christie (1890-1976) war eine Vielschreiberin, ihrem Lieblingsromanhelden widmete sie sich bis zu ihrem Tod in 33 Geschichten, im Vergleich dazu bringt es Miss Marple, die in den Sechzigern viermal so wunderbar kauzig von Margaret Rutherford (1892-1972) gespielt wurde, nur auf zwölf Buchauftritte. Zwar bekamen sowohl Marple als auch Poirot ihren eigenen TV-Serien, aber das Kino bleibt für Kriminalisten dieses Kalibers natürlich die Königsklasse - besonders wenn es dazu noch an exotische Schauplätze wie an den Nil oder in den Orient in vergangenen Zeiten geht. Dennoch wurde Christies «Ten Little Indians» über eine in einem großen Haus isolierte Gruppe von Gästen, die nach und nach ermordet werden und sich gegenseitig verdächtigen, mit bisher vier Verfilmungen, die zwischen 1945 und 1989 entstanden sind, am häufigsten adaptiert. Miss Marple hingegen brachte es mit Angela Lansbury in der Titelrolle vor 41 Jahren in «Mord im Spiegel» ein letztes Mal auf die Leinwand. Branagh hingegen will als Hercule Poirot nach Albert Finney (einmalig in «Mord im Orient Express») Peter Ustinov (in jeweils drei Kino- und Fernsehfilmen) und David Suchet (34 Fernsehauftritte) weiter ermitteln. «Das Böse unter der Sonne» mit Ustinov folgte 1982 nach «Tod auf dem Nil» und wäre damit an der Reihe. „Nein“, grinst Branagh, „Wir haben einen anderen Stoff von Agatha Christie ausgewählt. Aber wenn ich den Titel verraten würde, müsste ich Sie anschließend umbringen. Das sollte ich nicht tun.“


    Quelle: https://www.quotenmeter.de/n/1…iv-hercule-poirot-zurueck


    Teil 2 - «Vikings Valhalla» – Netflix-typische Wikingerfantasy


    Rund 100 Jahre nach der Mutterserie, spielt das Spin-Off «Valhalla» und wartet mit einigen geschichtsträchtigen Personen auf, die mit ihren historischen Vorbildern allerdings kaum etwas gemein haben.


    Die größte Schwäche der Mutterserie, die späteren Staffeln betreffend, war nach einhelliger Meinung der Verlust Ragnars, da dessen Söhne nie das Charisma, das Travis Fimmel als wohl bekanntester Wikinger aller Zeiten in der Rolle verkörperte, auch nur ansatzweise kompensieren konnten. Auch das Spin-Off «Valhalla», so wird schnell deutlich, hat keinen dominanten Schauspieler im Cast, der es vermag, allein über seine Ausstrahlung und schiere Präsenz, das Ruder an sich zu reißen. Es verwundert daher nicht, dass ebenso wie in den späteren Staffeln der Mutterserie, kein zentraler Protagonist identifizierbar ist. Stattdessen wird sich auf drei Figuren konzentriert, namentlich Leif Erikson (Sam Corlett), seine Schwester Freydis (Frida Gustavsson) und Harald Sigurdsson (Leo Suter). Während zumindest Ersterer und Letzterer geschichtlich bedeutsame Personen waren, deren Geschichte bis heute gut überliefert ist, spielen tatsächliche historische Ereignisse rund um diese Personen, genauso wie um den restlichen Cast von «Valhalla», kaum eine Rolle. Wer lediglich einige historische Daten abgleicht, wird unlängst bemerken, dass viele Protagonisten, die in «Valhalla» aufeinandertreffen, viel jünger, älter, tot oder noch nicht einmal geboren sein dürften. Während sich «Vikings» trotz spärlicher Überlieferungen noch teilweise an historischen Ereignissen und Zeitlinien orientierte, hat dies im Ableger, trotz weitaus besserer geschichtlicher Überlieferung, keinerlei Priorität mehr, womit die Serie überwiegend im Bereich der Fantasy einzuordnen ist.

    Dialogbuch, Kostümdesign und Schauspiel sind wie so häufig bei Netflix in einer Produktion dieser Größenordnung, im absoluten Durchschnitt einzuordnen. Die Schauspieler sehen mit ihren Bärten teilweise so ähnlich aus, dass es schon einige Zeit dauert, die beiden Protagonisten Leif Erikson und Harald Sigurdsson auseinander zu halten. Die Kostüme sind ebenso wie die Gesichter der Schauspieler meist sauber und straff und wirken etwas, als hätten sich Laien für eine historische Mottoparty etwas zum Anziehen ausgesucht. Schauspielerisch wurde zumindest der Fehler der Mutterserie nicht wiederholt, eine Anreihung von unzugänglichen Unsympathen zu casten. Sowohl Sam Corlett als Leif Erikson, Leo Suter als Harald Sigurdsson als auch Bradley Freegard als Knut der Große können gewisse charismatische Eigenschaften nicht abgesprochen werden.

    Glänzen kann «Valhalla» wiederum insbesondere bei Kampfhandlungen. Diese sind überzeugend choreografiert, kommen ohne allzu viele Schnitte aus und schaffen es überwiegend von der sich etwas schleppenden Handlung abzulenken und das pacing hochzuhalten, sodass die zehn Folgen der ersten Staffel ohne übermäßige Längen auskommen. «Valhalla», so lässt sich insgesamt festhalten, wurde auf höchste Massenkompatibilität getrimmt. Die explizite Gewaltverherrlichung und Sexszenen inklusive Nacktheit wurden im Vergleich zur Mutterserie (in ihrer europäischen Schnittfassung) reduziert, die Charaktere sind insgesamt zugänglicher und die Handlung, inklusive Dialoge, erfordern eine deutlich niedrigere Auffassungsgabe.

    Netflix bleibt sich mit «Vikings Valhalla» weitestgehend treu, denn das Streben nach Exzeptionellem muss auch in dieser Produktion mit der Lupe gesucht werden. Trotzdem dürfte die Serie aufgrund ihrer leichten Zugänglichkeit und schnelllebigen Unterhaltung zunächst ein großes Publikum anziehen, auch wenn sie dabei den wenigsten Zuschauern für längere Zeit in Erinnerung bleiben dürfte. Denn „must-see“ Prestige TV ist auch dieses «Vikings» Spin-Off nicht.


    Quelle: https://www.quotenmeter.de/n/1…-typische-wikingerfantasy

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  • Lotar

    Hat den Titel des Themas von „Filmnews vom 11.März 2022“ zu „Filmnews vom 11. März 2022“ geändert.